Ein Katalog der Vorurteile gegen Homeschooling

Bunter Vogel

Gastbeitrag im Mamablog des Tages-Anzeigers „Kinder brauchen keine Schule“: Mein Feedback zu den Kommentaren

Homeschoooling bewegt die Gemüter. Das ist nach der Veröffentlichung meines Artikels „Kinder brauchen keine Schule“ offensichtlich geworden. Es ist ein Thema, das anspricht, weil es doch mit Grundlegendem, nämlich Bildung, Erziehung und Gesellschaft, zu tun hat.

Ich bin bewusst nicht in die durch meinen Artikel ausgelöste Diskussion eingestiegen. Zum Einen weil mir schlichtweg die Zeit dazu fehlt und zum Anderen, weil es mir sinnvoller erscheint, meine Überlegungen in aller Ruhe in einem Beitrag zusammenzufassen, statt flüchtige Kommentare in die Runde zu werfen.

Ich habe einen grossen Teil der Kommentare durchgesehen und dabei die Essenz der Vorurteile und Fragen aufgespürt. Ich denke, es gibt zwei Formen von Vorurteilen. Bei einigen vermute ich, dass sie boshafter Natur sind, andere gründen auf Ignoranz, also Unwissenheit. Hier nun meine Stellung dazu oder hier als PDF-Datei. Zunächst aber ein herzliches DANKESCHÖN für alle ermutigenden Kommentare!

  • Meine Töchter müssen keine knöchellangen Röcke tragen. In der katholischen Kirche existiert keine solche Kleidervorschrift 🙂 . Würden sie sich freiwillig so anziehen wollen, würde ich es aber auch nicht verbieten.
  • Wem das nicht eh schon vollkommen klar ist: Selbstverständlich repräsentiert mein persönlicher Blog nur einen kleinen Bruchteil dessen, was unsere Kinder täglich lernen und tun. Würde ich stets ausführlich darüber berichten, hätte ich ja keine Zeit mehr, Homeschooling zu praktizieren! Deshalb ist es daneben, uns anhand eines Blogs zu urteilen.
  • Einige prangern das Homeschooling mit dem Argument der Sozialisierung an. Sie würden ihre Kinder nicht vom Schulweg und von Mitschülern abhalten wollen. Es ist doch eigenartig, wie Sozialisation alleine von der Schule abhängig gemacht wird. Das zeigt, wie das Denken von Erwachsenen durch das Schulsystem stark beeinflusst ist. Was hat denn die Menschheit Jahrtausendlang ohne Schulweg und Schulklasse getan, bevor die Schule vor rund 140 Jahren obligatorisch wurde? War das eine Horde unsozialisierter Individualisten? Familie ist ein oft unterschätzter Ort der direkten Sozialisation. Des Weiteren gibt es Nachbarn, Bekannte und Verwandte, Sport-, Musik- und andere Vereine, Begegnungen auf der Reise, in Feriencamps, im Laden, auf der Strasse, bei der Freiwilligen-Hilfe usw. Die Liste der Möglichkeiten, sozialen Kontakt aufzubauen und dabei auch zwischenmenschliche Konflikte zu erfahren, ist unendlich.
  • Stichwort Evolution. Niemand von uns ist dabei gewesen. Oder? 🙂 Ich selbst kann daher nicht behaupten, dass die Erde genau so oder so entstanden ist. Für mich ist die biblische Schöpfungsgeschichte ein bedeutendes Vermächtnis, jedoch kein wissenschaftlicher Bericht. Wenn es beim Homeschooling um die Vermittlung von wissenschaftlichen Fakten geht, gibt es eine Menge anderer Quellen. Zuhause in unserem Bücherregal befindet sich eine Reihe Sachbücher, und die Kinder leihen dazu Bücher (z.B. von der Serie „Was ist Was“) und DVDs zu wissenschaftlichen Themen von der Bibliothek aus.
  • Religion. Es scheint offensichtlich notwendig zu sein, einige Mitbürger auf das Menschenrecht zur freien Ausübung der eigenen Religion aufmerksam zu machen. Wir leben in einem Land, in dem gesetzlich Religionsfreiheit besteht. Die reformierte und die katholische Kirchen bilden die zwei Landeskirchen der Schweiz. Hinzu kommen Freikirchen und weitere konfessionelle Gemeinschaften, die zwar nicht Landeskirchen sind, aber eine völlig legale Daseinsberechtigung haben. Meine frei gewählte Konfession ist katholisch. Ich habe aber keine Berührungsängste mit Menschen, die eine andere Überzeugung haben. Einige Leute zeigen mit dem Finger auf mich, weil ich zur katholischen Kirche gehöre und auch kein Geheimnis daraus mache. Auch wenn sie keine Köpfe zum Rollen bringen oder Kirchen abfackeln, so frage ich mich doch, ob es ihnen bewusst ist, dass ihr Benehmen eine subtile Form der Religions- bzw. Christenverfolgung ist.
  • Indoktrinierung. Dieser Ausdruck ist völlig unangemessen, wenn damit Familien angegriffen werden, die Homeschooling aus Begeisterung zur Sache gewählt haben. Kinder lieben Bräuche und wiederkehrende Festtage. Wenn dies mit Freude vermittelt wird, ist das eine Bereicherung für den Alltag und hinterlässt wertvolle Erinnerungen. Das ist keine Indoktrinierung, sondern einfach eine Form, wie Kinder aufwachsen können. Meinen Kindern bringe ich die Religion nicht als Frontalunterricht bei. Sie ist auf natürliche Weise in unserem Leben miteingebunden. Übrigens kann keine Elternschaft frei von Einfluss auf die Kinder bleiben. Ob Atheisten, Veganer, Reisefreaks, Buddhisten, Juden, Christen, Muslime – immer überträgt sich einiges von der Lebensweise der Eltern auf die Kinder.
  • Fundamentalismus. Ein Fundament gibt Halt und Boden. Wenn das Fundament gut ist, steht man auf gutem Boden. Natürlich weckt das Wort Fundamentalismus jedoch negative Assoziationen. Ist es angebracht, dieses Wort auf Homeschool-Familien anzuwenden? Anstatt mit solchen starken Ausdrucken um sich zu werfen und damit Mauern aufzubauen, wäre es besser die Homeschoool-Bewegung nicht nur vom Hörensagen, sondern direkt kennenzulernen. Wie viele Homeschool-Familien kennen die Kritiker persönlich?
  • Noch ein kurzer Rückblick auf die Geschichte, für all jene, die gegen die Kirche wettern und zugleich die staatliche Schule loben: Die ersten Schulen des christlichen Abendlandes entstanden in den Klöstern. Diese besassen keine Schulpflicht und waren für Arme und Reiche offen. Die benediktinische Lebensweise hat bezüglich Bildung und Kultur einen grossen kulturellen Reichtum hinterlassen. Durch Einfluss der franz. Revolution gewannen die Radikalen (Anhänger des politischen Liberalismus) immer mehr Einfluss. In zahlreichen Ländern Europas (Beispiel Kloster Muri im Kanton Aargau) wurden Klöster samt Klosterschulen gewaltsam geschlossen und staatliche Schulen errichtet. Erst dann wurde die allgemeine Schulpflicht eingeführt.
  • Wer heute danach verlangt, private (konfessionelle) Schulen und Homeschooling zu verbieten, stellt sich gewissermassen in die Reihe der kommunistischen und diktatorischen Regime. Wir müssen nicht weit in die Vergangenheit zurückblicken, sogar die Gegenwart zeigt uns, dass die Unterdrückung der Religion und der freien Meinung Gewalt und Terror beinhaltet. Einige wenige Beispiele: Stalin schickte Millionen wegen ihrem Glauben oder ihrer politischer Ausrichtung nach Sibirien zur Zwangsarbeit oder direkt in den Tod. Auch die Nationalsozialisten haben private Schulen geschlossen, die ihnen nicht passten. Heute sind es Nordkorea und China, wo die totalitäre Macht Menschen unterdrückt, verfolgt und Gewalt anwendet. Viele Freiheiten aber, die wir heute in Europa geniessen, sind aufgrund christlich geprägter Konstitutionen.
  • Parallelgesellschaft. Können einzelne Familien einer nicht-heterogenen Homeschool-Bewegung, die im ganzen Land verstreut leben, wirklich eine Parallelgesellschaft bilden? Ich denke, dass diese Befürchtung völlig überflüssig ist. Wenn schon von einer Parallelgesellschaft die Rede sein soll, dann betrifft dies wohl eher Privatschulen. Vor Beginn meiner Ausbildung besuchte ich einmal aus eigenem Antrieb eine jüdische Schule mit Kindergarten. Es war wie ein Abtauchen in eine ganz andere Welt. Ich war sehr beeindruckt. Kann man das eine Parallelgesellschaft nennen? Vielleicht, aber ich würde eine andere Bezeichnung bevorziehen: Bereicherung und Vielfalt innerhalb einer pluralen Gesellschaft.
  • Freilernen. Ich halte es für verfehlt zu sagen, dass in der Familie gelebte Religion nichts mit Freilernen zu tun habe. In der Tat ist Homeschooling sehr facettenreich. Ich kenne Freikirchler und Katholiken, die sich genauso wie Atheisten und Agnostiker zu Unschooling bekennen. Es gibt keinen Grund dafür, ihnen dies abzusprechen.
  • Wem Homeschooling fremd ist oder wer es sehr kritisch beäugt, empfehle ich eine Mindestportion an Respekt, Toleranz und Offenheit gegenüber den Familien aufzubringen, welche diese Form von Bildung gewählt haben. Ein Türchen offen zu lassen kann Wunder bewirken und das Leben bereichern!

 

5 Kommentare

  1. Thank you!!!

  2. Hallo

    danke – wer fliegen möchte braucht GEGENWIND –

    Zum Thema: ich erlebe kaum Menschen, die wirklich informiert darüber sind was das Theme „Homeschooling“ angeht. Die meisten haben Vorurteile und viel Unwissen. Daher ist es wichtig, dass es immer mehr in das Bewusstsein der Gesellschaft rückt – durch uns als Freilernerfamilien/Homeschoolfamilien.

    Leider kann das dann eben auch bedeuten etwas Wind um die Öhrchen zu bekommen – da sind wir dann wohl Pioniere – und die haben es bekanntlich nicht leicht 🙂 Und doch sind sie Wegbereiter, denen irgendwann gedankt wird –

    LG Line von der Wildnisfamilie

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