Wenn ein Kind (wieder) zur Schule geht

School Bus

Schule war stets omnipräsent

Unsere drittälteste Tochter geht seit zwei Wochen wieder zur Schule. Nach fünf Jahren Homeschooling hat sie sich entschieden, in ein College einzutreten, um sich auf die GCSE-Prüfungen vorzubereiten.

Wie war die Umstellung von Homeschooling auf Schule?

Für die Familie als Ganzes war es kaum merkbar. Das liegt daran, dass seit dreizehn Jahren (mit Ausnahme eines halben Jahres) in unserer Familie mindestens ein Kind immer zur Schule gegangen ist. Übrigens eine Tatsache, die nicht selten von Gegnern in Kommentaren oder Zeitungsartikeln ausgeblendet wurde. Kritiker stellten uns gerne sehen so dar, als hätten wir Wohnsitz auf einem fremden Planeten genommen, um uns von jedem Kontakt zur „bösen“ Welt zu bewahren. (Womit ich keineswegs sagen möchte, dass es bei Familien, in denen kein Kind zur Schule geht, so ist.) Wir haben in den vergangenen dreizehn Jahren an Elternabenden teilgenommen, Schulaufführungen besucht und den Schulalltag mit all seinen Hochs und Tiefs erlebt.

Die Umstellung von Homeschooling auf Schule war auch nicht sensationell weil diese Tochter während ihren Homeschool-Jahren immer wieder an Kursen mit anderen Jugendlichen teilgenommen hat. Z.B. hat sie Kurse für Komponieren und Aviatik besucht, an Lagern teilgenommen, Sport betrieben und mit andern musiziert. Und nicht zu vergessen – sie war fast vier Jahre lang in Kindergarten und Schule, bevor wir mit Homeschooling begonnen haben.

Erweiterung des Lernfeldes

Ihr Lernfeld hat sich jetzt erweitert. Sie geht täglich an einen Lernort, wo viele andere Jugendliche sind. Sie trägt dabei sogar eine Uniform (was sie bislang gerne tut).

Gab es Unterschiede in der Leistungsfähigkeit?

Ja, es gab merklich Unterschiede. In den Sprachen ist sie auf „hohem“ Niveau und in der Mathe hat sie einige „Lücken“. Ich setzte das Wort Lücken bewusst in Anführungszeichen, da ich sie mit ihren jetzigen Mitschülern vergleiche. Diese haben in den letzten zwei Jahren anderes gelernt als sie. In der gleichen Zeit hat sie vieles gelernt, was sie interessierte (z.B. Aviatik, Sport Stacking, Astronomie …).

Eigentlich gibt es für einen Homeschooler ja keine Wissenslücken, da ein Kind, das zu Hause lernt, nicht mit anderen verglichen werden muss. Oder andersherum gesagt, kein Mensch kann alles Wissen! Eine Wissenslücke bezieht sich immer auf den Vergleich eines Einzelnen zu einer Gruppe, deren „Wissen“ zur Allgemeingültigkeit hochstilisiert wurde.

Schule und Homeschooling – ein Widerspruch?

Vielleicht klingt das alles paradox, nachdem ich das Buch Kinder brauchen keine Schule geschrieben habe. Ich bin aber nach wie vor der Meinung, dass Kinder sehr gut (oder besser) ohne Schule lernen können. Unsere Tochter, die jetzt wieder an der Schule ist, ist kein Kind mehr, sondern eine bald 14-jährige Jugendliche. Jugendliche zieht es in grössere Kreise. Je älter sie sind, desto mehr verlassen sie das traute Heim und ziehen in die Welt hinaus. Jüngere Kinder brauchen diese grosse Kreise noch nicht so sehr. Manchmal genügt nur die Familie und einige wenige Bekannte dazu.

Verfrüht zur Schule

Gerade in England finde ich es zu früh, wenn Kinder schon als Vierjährige zur Schule gehen müssen. Sie wirken überfordert und entwurzelt, zu früh von Zuhause entrissen. Wie kleine Kinder, die noch am Schoss der Mutter kleben würden, aber jetzt verloren dastehen, in einer Masse von Gleichaltrigen.

Kinder sind verschieden, Jugendliche auch

Jugendliche hingegen lieben es geradezu in das Abenteuer einzutauchen, neue Leute kennenzulernen. Sicherlich sind nicht alle gleich. Es gibt Jugendliche, die das Homeschooling bis ins Erwachsenenalter durchziehen. Der Sohn unserer Vermieter ist so ein Beispiel. Er ist jetzt über 20-jährig und ist froh darüber, dass er ohne Schule aufgewachsen ist. Von ihm wird es übrigens einen Beitrag in der Übersetzung von Kinder brauchen keine Schule geben. Das Buch wird überarbeitet und dem englischen Sprachraum angepasst.

Ich glaube selbst in der gleichen Familie ist es nicht mit allen Kindern gleich. Ich kann im Moment nicht sagen, wie es mit unseren jüngeren vier Kindern weitergehen wird. Sie sind ein starkes Team. Sie spielen und diskutieren viel miteinander, was mich erfreut und entlastet! Homeschooling hat sie zusammen geschweisst, da sie viel Zeit miteinander verbringen.

Noch eine letzte Bemerkung: ich verwende meistens den Ausdruck „Homeschooler“ da er im deutschen Sprachraum am geläufigsten ist. Aber unter Homeschooling verstehe ich eine Bildung zu Hause – ohne Einschränkungen. Das heisst: unsere Kinder lernen frei und werden teilweise unterrichtet. Oft lernen wir gemeinsam, Eltern und Kinder. Wir alle lernen so, wie es uns entspricht. Ich finde den Ausdruck, der in England verwendet wird, am besten: Hier nennt man es einfach Home Education.

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1 Kommentar

  1. Yes, yes, can imagine….. To M.: stick it out, even if just for the „all-important“ exams ! By the way, you look VERY SMART in your new school uniform.

    Love G’Ma.

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